Selbstkritikdefizit?

6. August 2009 at 01:06

Nachdem bei Das geprüfte Argument schon ein Tagesspiegel-Artikel zum Thema rechter vs. linker Gewalt in Berlin Friedrichshain kritisiert wurde, sei auch noch auf einen Kommentar der taz Berlin verwiesen.

In diesem beklagt der Kommentator, nachdem er sich hinter die demokratische Aufgabe des Nazis bekämpfen gestellt hat, eine „mangelnde Selbstkritik“ der Antifas – und das selbstverständlich nicht, was ihre Affirmation der demokratischen Herrschaft betrifft. „Gesicht zeigen“ gegen Neonazis und für die demokratische Herrschaft findet der ja gerade prima. Vielmehr stört er sich daran, dass diese glatt zum Mittel der Gewalt greifen, um ihre Ziele durchzusetzen:

Unübersehaber aber ist leider auch ein Aufarbeitungsdefizit auf Seiten der Linken – vor allem beim Umgang mit körperlicher Gewalt. Jeder ist aufgefordert, Nazis gegenüber Gesicht zu zeigen. Auch Selbstverteidigung gegenüber brutalen Nazis ist okay. In allen anderen Fälle aber muss es beim Versuch bleiben, mit dem Intellekt die rechte Ideologie zu übertrumpfen. Das ist leider eine Sisyphosaufgabe. „Thor Steinar“-Klamottenträger wird man so nicht aus dem Kiez vertreiben. Doch Gewalt erzeugt nur Gegengewalt. Wer sie anwendet, lässt sich herab auf das Niveau des Gegners. Wer sie dennoch anwendet, darf sich hinterher nicht darüber beschweren, in den Fokus der Polizei zu geraten.

Das ist schon komisch. Da schlägt er ein Mittel für die antifaschistischen Ziele vor, von dem er selbst sagt, dass es untauglich sei. Das müsse man aber dennoch anwenden, während die Antifa das offensichtlich probatere Mittel für diese Ziele (die nicht die meinen sind!), nämlich Gewalt, nicht anwenden dürfe. Und das einzige Argument, was er zur Begründung bringt, nämlich, dass Gewalt Gegengewalt erzeuge, geht an der Sache vorbei, denn Neonazis kommen schon aus ihrer Ideologie heraus mit Linken als (leider angeblichen) Staatsfeinden auch mal selbst aufzuräumen, wofür es also keine linke Gewalt braucht. Weshalb die Antifa dieses Argument gerne auch als Rechtfertigung von Gewalt als Mittel für ihre Ziele gebraucht: die Nazigewalt erzeuge eben ihre Gegengewalt.

Das ist aber auch nur der Auftakt, um sich dann zum Kern der Sache vorzuarbeiten. Die Gewalt der Antifa verstößt nämlich gegen das Gewaltmonopol des demokratischen Rechtsstaats, für den die eben als Gesicht zeigende Claqueure und zivilgesellschaftliche Helfer und Zuarbeiter zum Verfassungsschutz vorgesehen sind. Wie immer absurd ist dabei der Versuch, für dieses Gewaltmonopol mit Gewaltfreiheit zu argumentieren – als wäre Gewalt ausgerechnet dann keine mehr, wenn sie monopolisiert ist. Die Nazischläger soll die Antifa der Polizei überlassen – deren Zugriff auf die ist nämlich keine Gewalt. Sich selbst sollen die Antifas aber ebenfalls nicht über Polizeigewalt beschweren, wenn diese auf sie zugreift. Das ist nämlich auch keine Gewalt. Und zwar ist es in beiden Fällen keine Gewalt, weil es eine gerechte Gewalt ist und es ist eine gerechte Gewalt, weil sie dem vom taz-Kommentator geteilten Zweck dient, das Gewaltmonopol des demokratischen Rechtsstaats durchzusetzen.

Linken Staatsfans ist eben nix zu blöd, um sich die demokratische Herrschaft als eine ihren Idealen gemäße zurechtzudeuten.

Die anschließende Diskussion:

Pent C. Klarke 21. Juli 2009 um 5:12 Uhr

Wie geht wohl der „Versuch…, mit dem Intellekt die rechte Ideologie zu übertrumpfen“? So zum Beispiel:
http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2008/09/18/zigeunersippen-und-anderes-gesindel/#comment-5814

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WTF? I Wählen. Manche Antiwahlkampagnen. Verkehrt.


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